Plädoyer für eine herrschaftskritische Streitkultur
von Donat Blum
Uiuiui, leg dich nicht mit dieser oder jenem an! Brich keinen Streit vom Zaun. Auf keinen Fall öffentlich. Jemensch schrieb: «Würde ich sofort löschen, da genau gegen das gerichtet, was du in den letzten Jahren gepredigt hast, nämlich dass wir sorgfältig miteinander umgehen sollen.» Und eine andere Person an die Adresse der Trägerin von diesem Projekt hier gerichtet: „Will Alit so etwas wirklich mit einem Like unterstützen?“ Gemeint war ein offener Brief an Fatma Aydemir, den ich auf Instagram gepostet habe, weil sie sich zusammen mit fünf Jury-Kolleg*innen gegen die Förderung der Literaturzeitschrift „Glitter“ entschieden hat.
Ich weiss nicht, ob es allen Literaturschaffenden so geht, aber ich kriege oft kritische Rückmeldungen auf mein öffentliches Agieren – und das nicht erst seit dem literarischen Debattenband „Oh Boy“. Die meisten sind gut gemeint. Der Tenor oft: Beiss nicht die Hand, die dich füttert.
Aber auch selber wäge ich jeden Schritt an die Öffentlichkeit im Vorfeld sorgfältig ab. Überlege, was dafür und was dagegen spricht, mich zu Umständen, die ich als ungerecht empfinde, zu äussern. Und denke beispielsweise regelmässig darüber nach, meinen Instagram-Account zu löschen, um mich und andere – wie Fatma Aydemir – wenigstens etwas vor der Konfrontation mit der Ungerechtigkeit dieser Welt, zu der wir alle beitragen, zu schützen. Vor den auf Eindeutigkeit getrimmten Weltansichten, die in den polarisierten sozialen Medien nahezu ausschliesslich kundgetan werden, genauso wie vor dem Leid und der Gewalt in Gaza, im West-Jordanland, in den USA – je nachdem welchen Konflikt mir der Algorithmus gerade inflationär in den Feed spült.
Lass besser auf Netflix zwei, drei, vier, fünf Folgen „Everwood“ schauen, denke ich dann. Eine TV-Serie aus den Nullerjahren. Mich mit Dr. Andy in das Bergdorf in Colorado zurückziehen, das aussieht wie einer der Schweizer Wintersportorte, in denen ich als Kind ein, zwei Mal die Sportferien verbracht habe. Lass abtauchen in die Nostalgie der Jahrtausendwende, wo polarisierende Themen wie HIV, Bulimie, alleinerziehende Mutterschaft, Rassismus und Abtreibungen höchstens kurz angeschnitten und dann – auf Kosten der Betroffenen – wieder unter den Teppich gekehrt wurden.
Aber dann denke ich wieder: Wenn wir alle wegschauen, um uns vor Widerspruch zu drücken, wer schaut dann hin? Ist es nicht das, was Literatur, was Kunst, tun sollte: Hinschauen? Wirkmächte in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit erfassen und aushalten? Herrschaftskritik üben? Erst recht in Zeiten, da Journalismus und Wissenschaften aufgrund kapitalistischer Abhängigkeiten mehr und mehr als vierte Gewalt wegbrechen?
Hat Banksy nicht recht, wenn er den mexikanischen Dichter César A. Cruz zitiert: „Art should comfort the disturbed and disturb the comfortable“? Wie können wir aber Kunst machen, die Bequemlichkeit stört, wenn wir uns nicht selber dahin vorwagen, wo es unbequem wird?
An einer Stelle in Everwood fragt Ephram seinen Vater Dr. Andy:
„How can you and I be the only ones willing to say anything?“
Wie kann es sein, dass du und ich die einzigen sind, die sich etwas zu sagen trauen hier, in diesem kleinen Kaff, in das Dr. Andy mit seinen zwei Kindern nach dem Tod seiner Frau aus New York gezogen ist.
Dr. Andy antwortet:
„Maybe its like your comics: sometimes you just need to tune out and be in a world that does what you want it to. Some people can‘t put the book down.“
Selbstverständlich können und dürfen Literatur und Kunst auch Weltflucht sein. Aber wer will in einer auf Eindeutigkeit getrimmten Welt leben in der Spannungen, Ambivalenzen, Reibung und Verwandlung nur gerade so viel Platz erhalten, wie sie niemanden stören? Wer will eine Literaturlandschaft pflegen und hegen, in der Drama nicht mehr als an der Oberfläche der Dorfidylle kratzen darf? Und Menschen, wenn es moralisch kompliziert wird, kommentarlos herausgeschrieben werden, wie es in Everwood der HIV infizierten Ärztin, dem autistischen Kind, dem Teeanger aus der Arbeiterklasse oder dem schwarzen Jazzmusiker widerfahren ist?
Wer profitiert davon, wenn Kunst zum Trostmittel verkommt: zum synthetischen Opiumersatz fürs Volk, der kritische Stimmen und Gegenstimmen in der wohligen Wärme des Kaminfeuers erstickt?
Die Antwort liegt auf der Hand: Der Status Quo und diejenigen, die ihn erhalten wollen, weil sie davon profitieren. Diejenigen, die den literarischen Diskurs und Kurs bereits bestimmen können. Die Gatekeeper, die eingeladen werden als Jury-Mitglieder darüber zu entscheiden, ob diese oder jene Geschichte erzählt werden oder die einzige queere Literaturzeitschrift im deutschsprachigen Raum, Glitter, fortbestehen kann.
Oder im Fall von „Oh Boy“, der gecancelten Literatur-Anthologie zu „Männlichkeit*en heute“, die ich mit-herausgegeben habe: Diejenigen, die von den vorherrschenden Geschlechter- und Beziehungskonzeptionen profitieren. Von der anti*queerten Vorstellungen, dass es ein unverrückbar binäres Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen gebe, das, in der Logik meiner Mobber*innen ausgedrückt immer und überall aus „männlich sozialisierten Tätern“ auf der einen Seite und „weiblich sozialisierten Opfern“ auf der anderen besteht.
Ob ich das Wort „Mobber*innen“ löschen sollte? Und die Verweise auf Oh Boy? Sind sie gegen das gerichtet, was ich „in den letzten Jahren gepredigt“ habe? Sollte ich tun, was ein Person aus dem erweiterten Literaturbetrieb, die die Anthologie bis zum Wechsel der Windrichtung tatkräftig unterstützt hatte, meinte, als sie Angst bekam, dass sie trotz „weiblicher Sozialisierung“ nicht mehr vor Sturmschäden gefeit sein könnte:
„Du hast es verbockt und solltest dich für mindestens zwei Jahre aus der Öffentlichkeit und dem queer-feministischen Diskurs zurückziehen.“
Obwohl die Person die Hintergründe in ihrer Komplexität hätte erkennen können, drängte sie mich in den nächsten Tagen und Wochen, mich als „männlich sozialisierter“ Sündenbock zur Beilegung des Konfliktes zu opfern. Hat sie vielleicht recht?
Der Verleger, mein Mit-Herausgeber und die meisten der 17 anderen Anthologie-Autor*innen entschieden sich für diesen Schritt. Während ich – sei es aus Masochismus, erhöhtem Gerechtigkeitsempfinden, anti-autoritärem Geist oder aus der Diskriminierungserfahrung heraus, die ich als queere Person im Patriarchat, der seit Geburt eine „männliche Sozialisierung“ aufgezwungen werden soll – die herrschaftskritische Machtfrage stellte: Wem käme mein Rückzug zugute? Und wer zahlt dafür welche Kosten?
Aus Perspektive der genannten Person und dem Dutzend anderer Leute, die sich dem Mobbing federführend anschlossen, war die Antwort klar: Durch die Distanzierung und die öffentliche Abwertung von mir konnten sie Schaden von sich abwenden und idealerweise etwas an Einfluss gewinnen. Der Preis, den wir als Literaturszene des deutschsprachigen Raums dafür zu zahlen hatten, waren die Verengung des queer-feministischen Diskurs auf einen matriarchalen und die Legitimation von Mobbing als machtkämpferisches Mittel.
„Your silence will not protect you“. Mit Audre Lordes Plädoyer für einen intersektionalen Feminismus in den Ohren, entschied ich mich, weiter für die Sache – die Überwindung exklusiv-binärer Geschlechter- und heteronormativer Beziehungsvorstellungen – zu kämpfen. Im vollen Bewusstsein, dass ich fortan als „umstritten“ gelten würde. Mit war es lieber, meine Reputation zu verlieren, als tatenlos zuzuschauen, wie sich der queer-feministische Diskurs auf eine vorgespielte Dorfidylle verengte, aus der herausgejagt wurde, wer nicht spurte.
Vier Monate später nahm sich Nadine Brügger der Geschichte in der NZZ an. Nach intensiver Recherche und der Durchsicht von hunderten von Wortmeldungen resümierte sie am 3.7.24: «’Oh Boy’ hätte ein Debattenbuch sein sollen. Stattdessen wurde es zu einem Beispiel. Für eine Fehlerkultur, die weder Zeit zum Nachdenken noch Raum für Diskussionen vorsieht.»
Ich teilte Ihre Schlussfolgerung, blieb aber am Wörtchen «Fehlerkultur» hängen.
Nicht etwa, weil mir der Stolz verboten hätte, Fehler einzugestehen. Im Gegenteil: Ich sehe die Fehlbarkeit von uns Menschen so, wie es Peaches in einem ihrer neusten Songs beschreibt: «Straight to my taint, I am no saint».
Aber der Begriff ging mir nicht weit genug. Um einen konstruktiven Umgang mit Fehler zu finden, müssen wir zuerst auszuhandeln, was Fehler sind und was nicht, was falsche und was richtige Weg und was einfach nur unterschiedliche Herangehensweisen.
Wir brauchen nicht nur eine neue, konstruktive Fehler-, sondern auch eine neue, konstruktive Streitkultur, die es uns erlaubt, widersprüchliche Emotionen und Erfahrungen zu äussern und wahrzunehmen – ohne Furcht dafür von der Bildfläche verdrängt, aus der gemeinsamen Geschichte herausgeschrieben zu werden, sobald es zu kompliziert wird, sobald wir zu einem Störfaktor werden. Wir brauchen eine Streitkultur, in der wir nicht wie zutiefst verstrittene Paare bei jedem noch so kleinen Widerspruch damit drohen, dass, wenn du dich nicht so verhältst, wie ich es will, die Beziehung endet.
Gerade zum Literaturschaffen gehört, dass wir mit Widersprüchen, mit Vieldeutigkeit, mit Komplexität und Ambivalenzen, mit den Hochs und den Tiefs des menschlichen Daseins bewusst umgehen. Dass wir uns ihnen stellen, uns auf sie einlassen und damit Literatur und Diskurs gestalten. Dass wir das Buch, die Bücher, von Zeit zu Zeit zur Seite legen, die Kontrolle abgeben und mit genügend Distanz sowohl auf das eigene Schaffen als auch auf die systematischen Bedingungen, unter denen Bücher entstehen, schauen – und darauf, welche warum nicht.
Wir müssen da hinschauen, wo es weh tut. Und das ist oft da, wo Macht und Geld (nicht) fliessen:
Was qualifiziert Fatma Aydemir dazu, in einer Jury darüber zu entscheiden, welche Literaturprojekte in Berlin umgesetzt werden können und welche nicht? Was qualifiziert mich dazu, ihre Entscheidung zu kritisieren oder diesen Essay hier zu schreiben? Oder dich, liebe*r Leser*in Teil der Jury des Kantons Bern, Schaffhausen oder Basel-Stadt zu sein oder von diesen Geld entgegenzunehmen?
Warum sollte der zurückgetretene Präsident der Bucherer Stiftung, ein Anwalt, bis zu 1200 Franken die Stunde verdienen, während aktive Literaturvermittlung, die laut Stiftungszweck unter anderem gefördert werden sollte, in der Regel schlecht bis gar nicht bezahlt wird?
Warum werden in der Stadt Zürich jährlich rund 700‘000 Franken (Stand: 2024) an Autor*innen-Förderung ausgegeben, während die vermittelnde Arbeit von Autor*innen, die auf Kosten der eigenen Schreibzeit für andere Autor*innen Bühnen bauen, kaum bis gar nicht entlöhnt wird? (Für Druckkosten- und Veranstaltungsbeiträgen hat die Stadt Zürich 2024 280‘100 Franken ausgegeben.)
Ich kenne die Antworten auf diese Fragen nicht. Gut möglich, dass sie überzeugen werden. Um das herauszufinden, müssen wir als Literaturbetrieb wieder lernen, uns gegenseitig im herrschaftskritischen Nach- und Weiterdenken zu unterstützen und Macht auch im Streit zu verhandeln – auf die Gefahr hin, eines Besseren belehrt zu werden oder gar an Macht zu verlieren.
Wir müssen aufhören, uns hinter einem rein symbolischen Bankgeheimnis zu verstecken, hinter Anonymität und Harmoniesucht, und uns wieder einander zu- statt voneinander abzuwenden, wenn Uneinigkeit und Widerspruch drohen. Sonst verkommen Gesellschaft und Literatur zu einem idyllischen Bergdorf in einer Réduit-Schweiz, in der kein Platz für Vielfalt bleibt.
Es stimmt: In den letzten Jahren habe ich in mehreren Texten gegen identitätspolitische Spaltung „gepredigt“: Identität sei das, was uns zu Individuen mache. Sie eine uns nicht, aber Liebe(n) tue es. Nun, nach einigen weiteren Monaten des literarischen Diskurs‘ – von lateinisch discursus ‚Umherlaufen‘; ein „hin und her gehendes Gespräch“ – möchte ich dem hinzufügen:
Ohne konstruktive Streitkultur kann Liebe nicht gedeihen. Oder warum sollte, was für romantische Beziehungen gilt, nicht auch auf die Gesellschaft als Ganzes und auf den Literaturbetrieb im Speziellen zutreffen?
Der Essay ist Teil der Essay- und Veranstaltungsreihe «Discours Agités» von Alit – Netzwerk für Literatur und wurde an der Zürcher Literaturwerkstatt im Literaturhaus Zürich öffentlich diskutiert.

